Das Strickcafé

Ist Häkeln Frauensache oder: Ursula und ihr Hass aufs Handarbeiten

Ist häkeln frauensache

Es ist über drei Jahre her, dass ich mit meinem Mann dreieinhalb Wochen auf Hochzeitsreise war. Wir waren in Danzig auf den Spuren meiner Großeltern unterwegs, besuchten die Schäreninseln bei Karlskrona, erkundeten mit dem Rad Kopenhagen, tranken Whiskey in Edinburgh, lagen am Strand von Brighton und zu guter Letzt setzten wir mit der Fähre von Portsmouth über nach Guernsey, um dort noch ein paar ruhige Tage am Meer zu verbringen, bevor es wieder nach Hause ging. Und als wir da auf diesem Schiff auf einer Bank in der Sonne saßen, holte ich mein Häkelzeug aus der Tasche, häkelte drei Blümchen und hängte sie an einen der Scheinwerfer. Dass ich das tat, hatte keine besondere Bedeutung, es war ein schöner Tag, wir waren glücklich, alberten wegen der Blumen herum und vermutlich wollte ich sie einfach nur nicht mit auf die Insel nehmen. Ich machte noch ein Foto und als ich dann abends wie jeden Tag in diesen dreieinhalb Wochen meinen Blogpost schrieb, um diese wunderschöne und aufregende Reise für uns, Freunde und Familie zu dokumentieren, setzte ich das Bild in den Artikel. Eine kleine Erinnerung an einen schönen Moment, das bedeutet das Bild und auch die Aktion, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das ist über drei Jahre her und ich habe seitdem nur noch selten daran gedacht.

Bis ich letzte Woche eine E-Mail bekam. „Das bist doch Du, die meint doch Dich?!” schrieb meine Tante, die ein PDF mit einem Textausschnitt aus Chrismon, dem evangelischen Kirchenmagazin, mitgeschickt hatte. Und ich staunte nicht schlecht. In der Kolumne hatte sich nämlich Chefredakteurin Ursula Ott nicht nur über ihren Hasss auf Handarbeiten ausgelassen, sondern tatsächlich auch etwas über mich und meine drei Häkelblumen geschrieben. Wer mal gucken mag, der Text ist online hier nachzulesen: Ist Häkeln Frauensache? Komische Handarbeiten. Und was da so über mich stand, war ganz schön unfreundlich: “Eine gewisse Daniela etwa zeigt das Foto ­einer Fähre, mit der sie von Portsmouth nach Guernsey geschippert ist. Und auf der sie ein paar Blümchen um die Scheinwerfer ge­häkelt hat. Blümchen. Auf Scheinwerfer. Hilfe! Männer bauen Schiffe. Frauen be­häkeln Schiffslampen. So ist sie, die Geschichte der Geschlechter in zwei Sätzen.“ Genau das stand da und ich war ein bisschen sprachlos.

Dass jemand dieses private Foto als Aufhänger für einen Artikel über seinen Hass aufs Häkeln verwendet – okay, das ist ja vielleicht noch irgendwie nachzuvollziehen. Ich habe es ehrlichgesagt normalerweise ja auch nicht so mit gehäkelten Blumen. Aber dass ich und mein Foto dann auch noch exemplarisch als Begründung dafür herhalten müssen, dass mit der Sache der Frauen ganz gehörig etwas schief läuft, weil sie häkeln, ist doch ganz schön starker Tobak. Und dazu könnte ein Vergleich kaum noch mehr hinken als dieser: Auf der einen Seite ist da diese Frau, die in ihrem Urlaub ihrem Hobby nachgeht und mit ihrem Mann herumalbernd ein paar Häkelblumen irgendwo aufhängt und das fotografiert. Und auf der anderen Seite Männer, die ihrem Beruf nachgehen und Schiffe bauen? Äh, bitte? Wo gibt es da eine Gemeinsamkeit, außer dass man es beide Male mit Menschen zu tun hat, die halt irgendwas machen? Macht nicht etwa jeder Mensch andauernd irgendetwas? Ich, die „gewisse Daniela“, häkle halt gerne, weil es mein Hobby ist. Und dann ist da noch mein Beruf: Wie die Autorin des Textes arbeite ich ansonsten seit 1998 als Redakteurin und verdiene mein Geld mit dem Schreiben. Dass ich keine Schiffe baue – ich bitte vielmals um Entschuldigung, aber mich hat Schweißen halt nie so besonders interessiert. Genauso wenig übrigens wie typisch weibliche Tätigkeiten wie Schminken, Mode, Diät machen oder Shoppen. Sorry auch.

Mein Foto und ich waren aber nicht das einzige Beispiel, das belegen sollte, dass mit der Sache der Frauen aufgrund der ganzen Häkelei ganz gehörig etwas im Argen liegt. Und da hatte Frau Ott dann auch ein schönes Ass im Ärmel: Prominente! Irgendwas mit Promis geht ja immer und es ist sicher allemal plakativer, als über irgendwelche Blogger herzuziehen, die kein Mensch kennt. Nächster Vergleich also: Die noch sehr junge und unbekannte Schauspielerin Maja Celine Probst und der Jahrzehnte ältere Regisseur Til Schweiger. Otts Argument: Probst würde in den Drehpausen lieber häkeln und ein Buch darüber schreiben, anstatt wie Til Schweiger zu planen, ein Flüchtlingsheim zu bauen. Das wurde dann auch nocht mit dem Vorwurf untermauert, dass das Häkelbuch inhaltlich weit von Richard David Prechts (ein Mann!!) „Geschichte der Philosophie“ zu sein. Aha ok. Nun gibt es hier aber ein winziges Problemchen: Während sich das Häkelbuch von Probst mittlerweile wie geschnitten Brot verkauft, ist aus Schweigers Flüchtlingsheim leider nichts geworden. Und während es nun kräftig in der Kasse von Probst klingeln wird, wird man von Schweiger vermutlich erst wieder etwas Neues hören, wenn er auf irgendeinem Event mal wieder betrunken in die Kamera gelallt oder eine neue 30 Jahre jüngere Freundin hat. Ja, da läuft auf jeden Fall etwas ganz gehörig schief. Aber eben nicht mit der Sache der Frauen. Und schon gar nicht wegen der ganzen Häkelei. Ott hat übrigens auch ein Buch veröffentlicht. Irgendwas mit Liebesgeschichten.

Nun hätte Ursula Ott, um die ganze Angelegenheit noch zu toppen, vielleicht noch einen Nazivergleich ziehen können. Aber als Chefredakteurin des evangelischen Kirchenmagazins macht man so etwas natürlich nicht. Warum? Richtig: Es geht nämlich noch viel schlimmer. Ich zitiere jetzt einfach mal: „In meiner Helfer-Facebook-Gruppe gibt es nämlich jetzt auch „Stricken mit Flüchtlingen für Flüchtlinge“. Hauptsache, die Flüchtlingsfrauen fangen nicht auch noch an, ihre Blechcontainer zu ­umhäkeln“. Ja, genau das steht ganz genauso in diesem Text. Und auch, wenn man sich mehrfach die Augen reibt, ist es noch immer da. Diese Verachtung, die aus diesen paar Worten spricht – es ist kaum zu beschreiben, wie niederträchtig ich diesen Satz finde. Gemeinsam ein paar Socken, etwas zum Anziehen oder irgendwas Nettes, das aus den tristen Übergangsbehausungen ein klein bisschen mehr ein Zuhause macht, zu klöppeln, das kann sicher keine verlorene Heimat ersetzen oder auch nur annähernd all das Leid wieder gut machen, dass diese Menschen hinter sich haben und auch noch durchleiden müssen. Aber es ist ein ganz kleines Zeichen: Hier bei uns in Deutschland gibt es nicht nur die Hetzer und die Gleichgültigen, sondern auch welche, die auf Flüchtlinge zugehen, Kontakt zu ihnen aufbauen und in den Dialog mit ihnen treten. Und die versuchen, ihnen ein paar fröhliche Stunden zu schenken, in denen sie all ihr Elend einfach mal für eine Weile hinter sich lassen können. Und es ist ein erster Schritt, diese Menschen hier bei uns zu integrieren. Häkeln und Stricken sind dabei nur ein Mittel, aber es funktioniert. Ein bisschen Wolle und Strick- oder Häkelnadeln kosten nicht viel und lassen sich gut transportieren, häkeln und stricken kann man außerdem überall. Sicher wären Reitunterricht, Segelkurse oder Wanderexkursionen durch das herbstliche Burgund aufregender, bringen sie aber doch eben gewisse logistische und finanzielle Probleme mit sich. Wie so ein Handarbeitstreffen in einen Flüchtlingsheim übrigens aussehen kann, kann hier eindrucksvoll hier nachlesen: Nähen-Stricken-Häkel Nachmittag in der Flüchtlingsunterkunft. Was außerdem dieses Beispiel dann mit dem eigentlichen Thema des Artikels, nämlich dass das Häkeln der Frauensache schadet, zu tun hat? Ich weiß es doch auch nicht. Vermutlich wäre Ursula Ott mit einem ordentlichen Nazivergleich besser beraten gewesen. Dann hätte man sicher auch noch schön über die Rolle der Frau während des Nationalsozialismus diskutieren können, das wäre jedenfalls näher am Thema gewesen.

Und die Sache mit den Frauen und der Handarbeit? Sicher sind es mehr Frauen als Männer, die Stricken, Häkeln oder Nähen als Hobby haben. Das ist schade, aber es ist eben nun mal so. An uns Frauen liegt es jedenfalls nicht, wir freuen uns, wenn sich mal ein Mann zum wöchentlichen Stricktreffen verirrt. Solche Artikel wie der von Ursula Ott helfen außerdem ganz gewiss nicht dabei, am Frauenüberschuss etwas zu ändern, weil sie in alten Klischees nicht nur verhaftet sind, sondern sie auch noch untermauern. Schade! Und was im Text auch völlig unerwähnt bleibt: Handarbeit ist mehr als nur ein Hobby, da hängt nämlich eine riesige Wirtschaft dran. Dazu gehören nicht nur die Verlage, die ein neues Handarbeitsbuch und ein neues Print-Magazin nach dem anderen auf den Markt bringen, weil das Segment Handarbeit im Unterschied zu allen anderen weiterhin am Wachsen ist. Sondern auch große Unternehmen wie MEZ, Langyarns, Addi oder Prym, die in Deutschland sitzen. Und nicht zuletzt gibt es dann noch die zahlreichen Handfärberinnen, Strickdesignerinnen, Onlineshop-Betreiberinnen oder Inhaberinnen von Wollgeschäften, die aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht haben und darin äußerst erfolgreich sind. Ich könnte dazu  noch viel erzählen, denn darüber halte ich ab und an Vorträge. Zum Beispiel  in Berlin auf der re:publica 2013 gemeinsam mit einer Freundin vor ein paar hundert Leuten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sich jedenfalls über das Handarbeiten lustig zu machen ist ungefähr genauso albern wie sich über das Backen von Brot aufzuregen. Wer das mit dem Nähen, Stricken oder Weben drauf hat, kann sich jedenfalls immer noch jederzeit etwas zum Anziehen oder eine wärmende Decke selber machen. Das war schon in der Steinzeit so und das wird auch weiterhin immer so bleiben, weil warme Pullis und Decken eben nun mal das ganz elementare Grundbedürfnis eines jeden Menschen nach Wärme stillen. Genauso, wie ein Stück Brot eben satt macht und dabei besser schmeckt als ein gestampfter Getreidebrei. Beides, das Brotbacken genauso wie das Handarbeiten in Form von das Nähen, Stricken und Weben, hat daher seit der Steinzeit Konjunktur und das wird auch immer so bleiben. Wie sich das mit dem Schreiben von gehässigen und dummen Kolummen in evangelischen Magazinen verhält – naja, reden wir besser nicht drüber.

Ihren Text hat Frau Ott übrigens mittelerweile stark gekürzt und viele Passagen herausgestrichen. War wohl besser so.

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Kategorie: Das Strickcafé

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Daniela ist das Herz von Gemacht mit Liebe. 2012 startete sie das Blog, in dem Du regelmässig viele Inspirationen über das schönste Hobby der Welt finden kannst. Seit 2015 gehört zu Gemacht mit Liebe auch ein Onlineshop, in dem Du alle vorgestellten Garne und Produkte findest. Einfach ganz oben auf "Garn", "Kits", "Zubehör" etc. klicken. Viel Spaß beim Lesen und Stöbern!

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