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gemachtmitliebe unterwegs: Workshop „Färben mit Indigo – das Blaue Wunder“

Färben mit Indigo

Gestern Abend habe ich hier schon mal die schöne Wolle gezeigt, die beim Workshop „Färben mit Indigo“ entstanden ist – organisiert von Hand Herz Seele und durchgeführt von Margit von Alte Künste. Heute habe Morgen habe ich die letzten Stränge mit Wollwickler und Wollhaspel zu hübschen Knäulen aufgewickelt und nun liegen sie hier einladend vor mir auf meinem Tisch und wollen unbedingt sofort angestrickt werden… Ihr kennt das ja :-) Wenn ich nicht gerade schon fünf Projekte parallel auf den Nadeln hätte, würde ich auch sofort loslegen. Aber vom Workshop kann ich natürlich erzählen!

Färben mit Indigo ist eine sehr alte Technik. Schon im Altertum hat man mit diesem Farbstoff gearbeitet. Gewonnen wird er aus den Knollen der indischen Indigopflanze, der bis zum 12. Jahrhundert nach Europa importiert wurde. In Europa entdeckte man dann als Alternative Färberwaid, eine Pflanze, die auch in unseren Breiten wächst, damit wurde dann bis ins 17. Jahrhundert gearbeitet. Die indische Indigopflanze allerdings liefert deutlich mehr Farbe – ungefähr das 30fache. Mit zunehmendem Handel wurde entsprechend immer mehr Indigo importiert, bis der Anbau von Färberwaid nicht mehr rentabel war. Es gibt ihn aber bis heute noch zu kaufen. Indigoblau selber wird in pulverisierter Form als Pigment angeboten, verpackt in kleine Tütchen.

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Auch wenn das Pulver eindeutig tiefblau ist – aufgelöst ergibt es eine grüne Brühe, die so gar nicht nach dem aussieht, was man erst einmal erwarten würde. Beim Färben mit Indigo passiert nämlich ein bestimmter chemischer Prozess, der diese Technik vom Färben zum Beispiel mit Säurefarben völlig unterscheidet und der auch eine ganz andere Arbeitsweise nötig macht. Die blaue Farbe entsteht nämlich erst durch Oxidation, wenn also Sauerstoff mit ins Spiel kommt.

Doch von vorne. Bevor es mit dem Färben losgeht, muss erst einmal die Küpe angesetzt werden, also der Topf, in dem später gefärbt wird. Dafür braucht man erst einmal eine „Indigo-Mutter“. Dafür haben wir das Färbepulver mit warmen Wasser und Obstler zu einer Paste angerührt und in eine Flasche gegeben. Der Obstler hilft dabei, die chemischen Prozesse zu beschleunigen – wie das genau funktioniert, weiß ich allerdings nicht mehr. Besonders gut soll übrigens Kirschwasser sein. Dazu kam exakt abgewogenes Soda und nach und nach in bestimmten Mengen Natriumdithionit, bevor die Lösung in Schüben gut durchgeschüttelt wurde, bis sich alles aufgelöst hatet. Das ist nicht ganz ohne, wenn man dabei nicht aufpasst und sich exakt an die Vorgaben hält, kann es zu einer exothermen Reaktion führen – das bedeutet, die Chemikalien reagieren, geben ordentlich Wärme ab und schäumen stark. Das ergibt eventuell eine riesige Sauerei, vor allem, wenn man mit einem geschlossenen Behälter arbeitet, in dem sich ordentlich Druck aufbauen kann – das kann bis zur Explosion führen. Wer also selber mit Indigo färben möchte: Genau informieren und sich vor allem pingelig an die Vorgaben und Maßangaben beim Anrühren halten.

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Die „Indigo-Mutter“ kann man übrigens ohne Weiteres lagern – am besten wie bei uns in einer dunklen Flasche mit Verschluss aufbewahren. Indigo ist ja unheimlich stark pigmentiert, so ein 25g Tütchen reicht angerührt für sicher ein paar 100 Kilo Wolle. Wir selber haben von der Lösung glaube ich nur drei Mal je 25ml verwendet, während in der Flasche 500ml Platz hatten.

Als nächstes haben wir die Küpe angesetzt. Die Küpe ist einfach ein großer Topf, in dem dann später gefärbt wird. Das Wasser, in dem dann später die angerührte Farbe gegeben wird, muss dabei eine bestimmte Temperatur haben, daher arbeitet man am mit einem Thermometer, um das überprüfen zu können. Der Topf wurde also erstmal mit Wasser aufgefüllt, das wir dann auf 50 Grad erwärmt hatten. Als es warm genug war, kam nochmal Soda und Natriumdithionit dazu – hier auch wieder exakt abgemessen.

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Und nun kam die Farbe dazu. Nicht einfach so reingeschüttet natürlich, sondern schön mit einer Spritze dosiert, damit man weiß, wieviel Farbe man dazu gegeben hat und welches Ergebnis damit erreicht wurde. Die Flüssigkeit war nun erst einmal grün – erst wenn sie mit Sauerstoff reagieren kann, entsteht ja die blaue Farbe. Man kann oben kleine Schlieren sehen, diese entstehen, wenn man zum Beispiel beim Rühren Sauerstoff in die Flüssigkeit wirbelt und hier die Farbe dann reagiert. Solche Schlieren können sich später beim Herausziehen der Wolle darauf absetzen und Flecken ergeben. Daher also vorsichtig rühren und möglichst keine Luft in den Topf wirbeln. Wenn die Küpe grün ist, ist das entsprechend ein Indikator dafür, dass sie noch färbt, also reaktionsfähig ist. Ist sie Blau geworden, ist sie „um“. Aber trotzdem nicht verloren: Gibt man dann wieder Natriumdithonit dazu, entzieht dieser der Flüssigket den Sauerstoff, die chemische Reaktion kann also wieder passieren. Soda dagegen ist dafür da, den PH-Wert der Lösung zu ändern. Je nachdem, wieviel man färbt, muss man die Küpe ab und an wieder auffrischen – dazu arbeitet man am besten mit drei Proben, die man zum Beispiel in einen Joghurtbecher gibt. Die erste (grün bleibende) gilt als Referenz, in die zweite gibt man Soda, in die dritte Natriumdithionit. Wird zwei Blau – super, dann fehlt der Küpe Soda. Wird drei Blau, liegt es am Sauerstoff, die Küpe braucht also nochmal Natriumdithionit.

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Die Küpe musste nun erstmal noch eine Weile „ziehen“, wir haben also den Deckel auf den Topf gesetzt und 15 Minuten abgewartet. Und dann ging´s los. Gefärbt haben wir Sockenwolle vom Atelier Zitron – die kann man ungefärbt einkaufen. Damit die Wolle die Farbe gut annimmt, muss sie vorm Färben gut gewässert werden. Margit hatte das schon vorbereitet: Einen Eimer mit weißen Strängen, aber eben auch einen mit gelben und einen mit roten Strängen, die sie selber mit anderen Farben schon mal vorgefärbt hatte. Warum das? Ganz einfach: Mit Indigo zu färben ergibt natürlich erst einmal Blau – Gelb und Blau als Grundfarbe aber ergibt Grün und Rot und Blau entsprechend Lila.

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Wie stark beim Färben der Blauton ausfällt, liegt übrigens nicht an  der Menge der beiden Chemikalien, sondern an der Menge des Farbpigments. Je mehr davon aus der Küpe raus ist, weil sie sich an der Wolle angelagert hat, umso weniger Pigment ist im Topf. Das ergibt dann eben kein sattes, sondern ein helles Blau. Weitere Varianten erreicht man durch die Art, wie man mit der Wolle im Topf umgeht. Viel bewegen ergibt einen gleichmässigen Ton, wenig bewegen einen changierenden. So ergeben sich fürs Färben natürlich viele Möglichkeiten und man kann mit den Farben spielen. Und das haben wir dann auch entsprechend ausprobiert.

Los ging es mit den Blautönen: Die Wolle wurde auf Holzstangen aufgehängt, die dann vorsichtig in den Topf gegeben und eingeklemmt wurden. Dabei sollte so wenig Luft wie möglich in die Küpe, daher musste die Wolle vorher sehr gut ausgewrungen und dann sehr, sehr vorsichtig eingesetzt werden. Nach etwa zehn Minuten kann sie dann wieder raus. Dabei war sie, weil ja noch kein Sauerstoff am Garn war, erstmal grün und wurde dann innerhalb von wenigen Momenten nach und nach Blau – das blaue Wunder geschah also tatsächlich. Der Begriff hat übrigens tatsächlich seinen Ursprung in der Färbewelt, genauso wie „Blau machen“. Dabei zuzugucken, ist faszinierend:

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Danach war die Färbung erst einmal fertig. Die Wolle wurde ausgewrungen und auf die Leine gehängt. Nicht zum Trocknen, sondern damit die Luft von allen Seiten gut ans Garn kann, denn die chemische Reaktion ist erst nach gut zehn Minuten vollständig abgelaufen. Hier die Bilder vom Grünfärben – man sieht, wie schrill gelb der Ursprungston war:

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So haben wir dann gefärbt und gefärbt, dunkles Blau, mittleres und helles Blau, dunkles und helles Lila sowie dunkles und helles Grün. Und auf der Leine kam so einiges zusammen:

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Die Wolle haben wir dann im feuchten Zustand in Tüten verpackt mit nach Hause genommen. Man muss sie nicht gleich spülen, lässt man sie noch eine Weile feucht, zieht die Farbe ein bisschen besser ins Garn ein und man hat später etwas weniger Abrieb, für das Indigofarben bekannt sind. Das ist einfach überschüssiges Farbpigment, das man aber einfach abspülen kann. Es färbt ja nicht mehr, weil es nicht mehr reaktionsfähig ist. Ich habe meine Garne allerdings doch schon abends gespült, mit Wollwaschmittel gewaschen und abschließend noch durch einen Schuss Essig geschwenkt. Essig ist wichtig, die Säure hebt praktisch das basische Soda auf und verhindet somit jegliche weitere chemische Reaktion. Zum anderen aber glättet sie die Fasern und macht das Garn wieder schön glatt und weich. Der Geruch verfliegt nach und nach. Am Montagabend waren meine Garne dann trocken, ich habe sie dann zu hübschen Strängen gedreht.

Die Küpe selber kann man übrigens unendlich lang weiternutzen und muss nicht nach dem Färben entsorgt werden. Je nach Bedarf kann man durch die Zugabe von Soda, Natriumdithionit oder eben gelöstem Pigment alles auffrischen und wieder loslegen. Soll sie dann doch mal entsorgt werden, wird mit Essig neutralisiert, bevor man die Brühe dann in die Kanalisation geben kann.

wolle mit indigo faerben

Für mich absolut erstaunlich: Die Wolle macht beim Färbeprozess ja wirklich so einiges mit. Und trotzdem ist sie nachher so schön weich und zart. Die Töne sind jeddenfalls sehr hübsch geworden – Grün und Blau ist ja sowieso mein Ding. Das helle Lila ist nicht so meins, da muss man mal gucken, was daraus wird. Insgesamt habe ich 500g gefärbt, 400g in kleinen 50g-Strängen und einen 100g-Strang in Hellblau.

Für mich ein tolles Erlebnis insgesamt! Ich habe mir entsprechend noch ein kleines Färbe-Kit bei Margit gekauft, mit dem ich dann selber nochmal bei Gelegenheit daheim experimentieren möchte. Allerdings, auch wenn Färben mit Indigo, wenn man weiß, was zu tun ist, nicht so schwer ist: Es ist natürlich immer ein riesiger Aufwand. Kleine Mengen nur für den Eigenbedarf mit Indigo zu färben lohnt sich nicht wirklich – besser, man tut sich mit anderen zusammen. Und nicht zuletzt gibt es außerdem viele Handfärberinnen, die gefärbte Wolle anbieten und das ist dann auch meistens gar nicht so teuer gemessen am Arbeitsaufwand.

Bei Margit selber kann man übrigens auch Wolle kaufen – sie färbt nicht nur mit Indigo, sondern auch mit Pflanzenfarben. Es gibt einen kleinen Webshop, außerdem ist sie – für Kölner interessant – beim Forum Lanarum am 13. und 14. August als Ausstellerin mit dabei. Sie bietet außerdem auch immer wieder Kurse an, wenn sich genügend Interessenten finden – so gab es zum Beispiel auch schon mal einen Workshop zum Thema Pflanzenfarben, der auch nochmal wiederholt werden soll. Am besten abonniert Ihr drüben bei Cordula einfach den Newsletter, dann erfahrt Ihr, wenn es einen neuen Termin gibt.

Kategorie: Gemacht mit Liebe unterwegs

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Daniela Warndorf ist Autorin, freie Redakteurin und Bloggerin Seit 2012 schreibt sie bei Gemacht mit Liebe über das Häkeln, Stricken und Selbermachen und hat sich mit der Gründung ihres Shops für schöne Wolle und Strickkits einen Traum erfüllt. Seit 2017 ist Gemacht mit Liebe in einem hübschen Ladenlokal in Köln Sülz zuhause.

4 Kommentare

  1. Das muss ja jede menge Arbeit gemacht haben! Aber es hat sich gelohnt.
    Ich würde auch gerne mal Färben, aber leider fehlt mir die Zeit dazu. Es ist toll zu sehen was man alles machen kann.

    Vielen Dank für den tollen Artikel!

    LG
    Martina

  2. Bea Behrens sagt

    Liebe Daniel, vielleicht führt dich dein Weg ja einmal nach Erfurt, dass wir im Herbst besuchten. Eine Stadt, die durch das Blaufärben reich geworden ist. Um den Farbprozess in Gang zu setzen benötigte man übrigens Urin. Und zwar den von Männern (hormonell bedingt). Und den bekam man in ausreichender Menge durch die Verabreichung von Bier. Was dazu führte, dass auch viel Bier gebraut wurde. Wirr haben ein sehr empfehlenswerten Nachtwächter-rundgang gemacht und viel über das färben und die Geschichte einer wunderschönen Stadt gelernt.
    Viele Grüße
    Bea

  3. Fronmüller Yvonne sagt

    Hallo Daniela, ich habe mit Freude Deinen ausführlichen Bericht zum färben mit Indigo gelesen und bin total begeistert. Vielen lieben Dank für Deine Mühe

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